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Affektlogik: Das Zusammenspiel von Fühlen und DenkenDie Affektlogik ist eine psycho-sozio-biologisch integrative Theorie zum Zusammenwirken von Fühlen und Denken. Ihr Ziel ist es, das in vielen Bereichen der Wissenschaft verstreute Wissen zu den Emotionen und ihren Wechselwirkungen mit Denken und Verhalten zu einem sinnvollen Gesamtkonzept von praktischem Nutzen zu verbinden. Den übergeordneten Rahmen liefert die allgemeine Systemstheorie mit Einschluss der Theorie der nichtlinearen Dynamik komplexer Systeme (sogenannte Chaostheorie, oder dynamical systems theory). Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass Fühlen und Denken - oder Emotion und Kognition, Affekt und Intellekt bzw. Affektivität und Logik - in sämtlichen psychischen Leistungen obligat zusammenwirken und sich ständig gegenseitig beeinflussen. Diese Erkenntnis resultiert aus übereinstimmenden Ergebnissen der aktuellen neurobiologischen, psychologischen, psychoanalytischen, soziodynamischen und evolutionstheoretischen Forschung. Das Konzept der Affektlogik wurde im Buch "Affektlogik" von Luc Ciompi 1982 erstmals vorgestellt und seither laufend weiter differenziert. Es impliziert Anwendungen auf allen Gebieten, in denen Wechselwirkungen zwischen Fühlen und Denken von Bedeutung sind, von der Psychologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Pädagogik über Verkauf, Reklame und Politik bis zur Erkenntnistheorie und Philosophie. Allgegenwärtige affektiv-kognitive WechselwirkungenGrundaffekte wie Interesse/Neugier, Angst, Wut, Freude, Trauer sind umfassende körperlich -seelische Befindlichkeiten, die im Lauf der Evolution aus lebenswichtigen Verhaltensweisen wie Umgebungsexploration, Flucht, Kampf, Nahrungsaufnahme, Sexualität, Sozialisierung, Verlustsituationen etc. hervorgegangen sind. Sie werden durch Wahrnehmungen oder Gedanken ausgelöst und beeinflussen ihrerseits alles Denken und Verhalten über eine Vielzahl von sogenannten Schalt- oder Operatorwirkungen auf Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und kombinatorisches Denken. (Operatoren sind Variablen, die andere Variablen beeinflussen und verändern.) Die affektive Grundstimmung wirkt wie ein Leim oder Bindegewebe auf das Denken. Von ihr hängt ab, was wir selektiv wahrnehmen, beachten, im Gedächtnis speichern oder mobilisieren und schliesslich zu einem "Denkgebäude" (einer Logik im weiten Sinn) zusammenbauen. Affektiv "passende" Wahrnehmungen und/oder Gedanken werden bevorzugt zu einem grösseren kognitiven Ganzen verbunden ("ein schönes Land", "ein netter Mensch", etc.), Unpassendes wird bevorzugt ausgeblendet. Die Gefühle verbinden Denken, seelisch-körperliche Befindlichkeit und Verhalten zu einer funktionellen Einheit. Zugleich vermindern sie die Komplexität der begegnenden Welt in sinnvoller Weise. Ihre evolutionäre Hauptaufgabe ist es, Denken und Verhalten der jeweiligen Situation anzupassen. Gleichartige Wechselwirkungen im Kleinen wie GrossenDie Schaltwirkungen der Gefühle auf Denken und Verhalten sind im Kleinen wie Grossen gleichartig, d.h. sogenannt fraktal strukturiert. So beeinflussen zum Beispiel kollektive Ängste, Wutgefühle oder Freuden die kollektive Aufmerksamkeit, das Gedächtnis und das kombinatorische Denken von Gruppen oder ganzen Nationen ganz ähnlich wie auf dem individuellen Niveau. Auch in einem kleinen momentanen Gedankengang wie in zeitüberdauernden kultur- oder zeitspezifischen Denkweisen, Wertsystemen, Mentalitäten oder Ideologien sind emotionale Schaltwirkungen in grundsätzlich gleicher Weise am Werk. Affektlogik und AlltagslogikUnser Denken und Verhalten wird ständig von einer situationsabhängigen Logik im weiten Sinn bestimmt, die stark von der affektiven Grundstimmung abhängt. Im Zustand der Angst zum Beispiel sehen wir die Welt im Rahmen einer (bewussten oder unbewussten) Angstlogik. Entsprechend gibt es eine Wutlogik oder Hasslogik, eine Logik der Freude, der Liebe, der Trauer usw. Das kollektive Denken und Handeln kann z.B. von einer "Logik des Friedens" oder einer "Logik des Kriegs" geleitet sein. Auch in der scheinbar gefühlsfreien oder -armen sogenannten Alltagslogik sind denk- und handlungsbestimmende Emotionen keineswegs abwesend. Inensive Gefühle bei erstmaligen Erlebnissen oder Entdeckungen werden zwar durch Gewöhnung zunehmend abgestumpft. Ihre denk- und verhaltensbestimmenden Operatorwirkungen bleiben indessen weiter erhalten. So beeinflussen sie z.B. ständig alle Wert- und Sinnsysteme, Ideologien, Vorurteile etc., die unser Alltagsverhalten prägen. Werden solche "Selbstverständlichkeiten" verletzt oder in Frage gestellt, so treten ihre unterschwelligen Affektkomponenten sofort wieder massiv zu Tage. Gefühle sind EnergienDie Affektlogik versteht Grundgefühle wie Interesse/Neugier, Angst, Wut, Freude, Trauer als objektgerichtete biologische Energien bzw. Energieverbrauchsmuster, die sich im Lauf der Evolution mit lebenswichtigen Situationen und Verhaltensweisen wie Umgebungserforschung, Flucht, Kampf, Nahrungsaufnahme, Sexualität, Sozialisierung, Verarbeitung von Verlustsituationen u.a.m. gekoppelt haben. Meist stimulieren und mobilisieren, manchmal aber hemmen die emotionalen Energien (wie z.B. bei Schreckreaktionen, in der Trauer oder Depression) das Denken und Verhalten. Affektive Energien, die durch Widersprüche und Konflikte freigemacht werden, sind nach dem Postulat der Affektlogik der Motor aller Psycho- und Soziodynamik. Die energetische Dimension der Affekte erklärt zudem plötzliche sprunghafte Veränderungen des Denkens wie etwa den Umschlag von einer vorwiegenden Logik der Liebe zu einer Logik des Hasses, vom normalen zum psychotischen Denken, von einer "Logik des Friedens" in eine "Logik des Kriegs". Denn solche sog. Bifurkationen werden gemäss der Synergetik von Hermann Haken durch kritisch steigende energetische Spannungen bewirkt, die das System zu einer neuen Funktionsweise zwingen. Nach der Hypothese der Affektlogik wirkt der emotionale Spannungspegel in psychosozialen Systemen analog wie der Energiepegel in andersartigen komplexen Systemen, nämlich als sogenannter Kontrollparameter, von welchem der Moment des Umschlags abhängt. Vorher randständige Ideen dagegen funktionieren dabei als neue sogenannte Ordnungsparameter oder Kristallisationskerne, um welche sich das ganze Denken und Verhalten neu ordnet. Auch das logische Denken ist von Gefühlen beeinflusstEntgegen der gängigen Meinung sind emotionale Einflüsse auch an allem logischen und wissenschaftlich-mathematischen Denken beteiligt. Emotional positiv gefärbte Einzelelemente einer wissenschaftlichen Theorie werden durch die Schaltwirkungen von positiven Gefühlen ganz ähnlich zu einem positiven Ganzen verbunden wie die kognitiven Einzelelemente von andern umfassenden "Gedankengebäuden" (z.B. Ideologien, Weltbilder, Religionen usw.), emotional negativ gefärbte Elemente dagegen werden ausgeschlossen oder ignoriert. Aufgrund der Tatsache, dass Widersprüche und Unstimmigkeiten mit Unlustgefühlen, stimmige Lösungen dagegen mit Gefühlen der lustvollen Entspannung (sogenannten Heureka-Gefühlen) einhergehen, bahnen positive und negative Gefühle darüber hinaus richtiggehend den Weg zu möglichst ökonomischen d.h. "rationalen" und emotional entspannenden Lösungen. Kognitive Unstimmigkeiten und Widersprüche werden dagegen, weil energetisch aufwendig, weitmöglichst vermieden. Ähnliche affektenergetische Mechanismen spielen ebenfalls bei den Phänomenen der Kreativität, der Intuition und des Humors eine Rolle. Praktische und theoretische AnwendungenMögliche Anwendungen der Affektlogik reichen von der Psychologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Pädagogik über Verkauf, Reklame und Politik bis zur Erkenntnistheorie und Philosophie. Ein weiteres Anwendungsgebiet ist die Psychosomatik mit Einschluss der körperzentrierten Psychotherapien. Die Sichtweise der Affektlogik wurde bisher u.a. in den folgenden Wissensbereichen angewendet: Psychiatrie, Psychotherapie, Pädagogie, Soziologie, Bewusstseinsphänomenologie, existentielle Philosophie. Eine besonders interessante Anwendung stellt die seit über 20 Jahren erfolgreiche therapeutische Gemeinschaft zur Behandlung von Menschen mit akut schizophrenen Störungen dar. (Genaueres siehe Text "Das Konzept der Soteria"). Obwohl von grundlegender Bedeutung, wird allerdings das von der Affektlogik postulierte unausweichliche Zusammenwirken von Denken und Fühlen im allgemeinen wissenschaftlichen Diskurs bisher erst sehr ungenügend berücksichtigt. Publikationen zur AffektlogikBücher
Buchbeiträge und Zeitschriftenartikel
Anwendungen und Erweiterungen
Internet-Informationen zur Affektlogik:Im Internet finden sich rund 20'800 Einträge zum Stichwort "Affektlogik" (Google, September 2008). Besonders zu empfehlen ist die ausführliche Zusammenfassung der "Fraktalen Affektlogik von Luc Ciompi" von Roswitha Wettinger. |
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© Luc Ciompi - www.ciompi.com - Zuletzt bearbeitet: 28.09.2009 |